Von Stämmen und Imperien

Wenn ich einige Minuten totzuschlagen habe und keine Lust darauf habe Russisch zu lernen, überfliege ich Wikipediaartikel zu historischen Ereignissen, auf der Suche nach einen neuen interessanten Thema. Dabei bin ich über den Sklavenhandel der Berber gestolpert. Sicherlich, mir war dieser, gleich wie der wohl etwas bekanntere ostafrikanische Sklavenhandel ein Begriff, doch die Details kannte ich nicht.  Meine Aufmerksamkeit erregte der Umstand, wie es den europäischen Mächten schließlich gelang zumindest der Versklavung von europäischen Christen Einhalt zu gebieten. Den „Piraten“ wurden gegen Ende des 18. und zum Beginn des 19 Jhn. die starken Seestreitkräfte der erstarkenden europäischen Imperien zum Verhängnis.

Dieses Erstarken brachte mich auf einen anderen Gedanken. Ist es immer eine Bedrohung von außen, die eine Großmacht entstehen lässt? Wie kommt es dazu, dass sich Menschen zu immer größeren Verbänden zusammenschließen?

Seit Anbeginn der Zeit rottet sich der Mensch in Gruppen zusammen. Um zu überleben und um sich Angriffe von außen zu erwehren. Die Großfamilie, oder auch Stamm, war historisch betrachtet die häufigste Gruppe. Sie hat in manchen Gegenden der Welt bis in die Gegenwart überdauert. Der Stamm hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Er ist eine im globalen Kontext schwache Einheit. Stammeskriege, das waren historisch betrachtet Scharmützel zwischen wenigen Dutzend Kriegern auf beiden Seiten. Selbst die mächtigsten Stämme boten zu ihrer Zeit kaum mehr als einhundert Krieger auf. An dieser Stelle verweise ich nur auf die Feldzüge des Propheten Mohammeds.

Vom Stamm ging die Entwicklung zum Stammesbund, ein loser Zusammenschluss eben dieser, meist zu kriegerischen Zwecken. Stabil waren die wenigsten, wie nicht zuletzt der Zerfall des Mongolenreiches eindrucksvoll belegt. So suchten Herrscher nach Wegen ihre neu entstandenen Reiche zu stabilisieren. Feudalherrschaft war die Lösung. Ummauerte Städte und gewaltige Burgen wurden zum Symbol dieser Zeit. Der Untertan war zwar Untertan, doch hinter Stein und Palisaden war er vor den Gefahren der Außenwelt sicher. So sicher wie man eben sein konnte. Die Festungsanlage des Lehnsherr war auch immer Zuflucht für seine Untertanen.

Im Zeitalter des Schießpulvers wurden Belagerungen zunehmend leichter und damit ein stehendes Heer wichtiger. Konnten sich im Mittelalter Städte auch gerne mal über Jahre halten, war dies nun kaum mehr möglich. 1683 widerstand Wien nur knapp zwei Monate der Belagerung der Osmanen und wäre ohne Entsatz mit Sicherheit noch im September des Jahres gefallen.  Spätestens mit Napoleon hatte die Armee die Festung als Vehikel der Machtprojektion verdrängt. Kleinere Königreiche hatten das Nachsehen. Sie konnten zwar prächtige Festungen bauen, doch eine stehende Armee von zehn-tausenden, wenn nicht hunderttausenden Soldaten konnten sich nicht unterhalten.

Das Imperium war das Endprodukt einer Entwicklung, die im Zeichen der Bedrohung von außen stand. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auf die Hochphase der Imperien im 19 Jhn., der ideologische Massenmord des 20 Jhn. folgte. Denn Nationalsozialismus und Kommunismus verschrieben sich dem Kampf gegen den Feind von Innen. Der Kampf gegen den Feind von Außen war nur Beiwerk.

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7 Kommentare zu „Von Stämmen und Imperien“

  1. Das Phänomen dass sich Stämme zusammenschließen hat sicherlich verschiedene Gründe. In der Völkerwanderungszeit waren es vor allem Angriffe der Römer und Angriffe der asiatischen Völker. Außerdem nahm man sich an Persern und Römern ein Vorbild was die Organisation und Taktik angeht.
    Das „erste Reich“ (später auch bekannt als Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation) ist im Endeffekt ein Zusammenschluss aus den Resten alter Stammesherzogtümer gewesen. Allerdings im Endeffekt eine Stiftung des Vatikan… aber ok das führt jetzt evtl zu weit in die Tiefe.
    Nun ja es stimmt wohl dass der technische Fortschritt größere Zusammenschlüsse notwendig machte. Bzw sinnvoll. Nicht nur die Einführung von Kanonen sondern ebenfalls der Handel und die Technik (Maße und Gewichte für Maschinenbau) macht eine Angleichung der Maß-Systeme sinnvoll. Hierzu sind auch politische Zusammenschlüsse nicht falsch, auch im Hinblick auf Zölle.

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    1. Das heilige römische Reich ist meiner Einschätzung nach einer (Stammes)Konföderation näher als einen wirklichen Königreich/Kaiserreich.

      „Nun ja es stimmt wohl dass der technische Fortschritt größere Zusammenschlüsse notwendig machte. Bzw sinnvoll.“
      Hier könnte man vielleicht noch erwähnen, dass sich aufgrund modernster Kriegstechnik dies gerade ändert. Zur Zeit Napoleons konnten 20.000 nie 200.000 aufhalten. In Zeiten des Maschinengewehrs konnte selbst die kleine belgische Armee das gewaltige dt. Heer über einen beträchtlichen Zeitraum hinhalten.

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  2. Ich denke man darf den technischen Fortschritt nicht überbewerten.

    Rom war auch ein Imperium und davor gab es ebenfalls bereits Imperien. Höchstwahrscheinlich sehen wir hier eine Entwicklung von Hochkulturen, die zyklisch ist und die sich seit hunderttausenden von Jahren in immer größer werdendem Maßstab wiederholt.

    Angefangen bei der primitiven Stammeskultur, die alles im Umkreis von 100 km erobert und sich für unbesiegbar hält, um kurz darauf zu vergehen, bis hin zu weltweit agierenden Imperien.

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    1. „Rom war auch ein Imperium und davor gab es ebenfalls bereits Imperien.“
      Rom oder auch antikes Persien haben ihre kleineren Nachbarn auch ohne große Probleme unterworfen. Das liegt schlicht daran, dass sie größtenteils gegen Stämme kämpften, die nicht die Ressourcen hatten große Festungsanlagen zu errichten. Wann immer sie gegen größere Nationen kämpften, gerieten sie in Schwierigkeiten.

      Außerdem: Es gibt kein antikes Imperium, dass in Sachen weltweiter Macht auch nur annähernd an das französische, spanische oder britische Imperium zu deren Hochzeiten herankommt.

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